Neurobiologie: Wiener entwickelt einfachen Test für komplexe Persönlichkeitsstörungen

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Vier Worte könnten zukünftig ausreichen um bei Erwachsenen und Kindern komplexe Persönlichkeitsstörungen wie Autismus und Schizophrenie schnell und zuverlässig zu diagnostizieren. Der Wiener Neurobiologe Peter Walla hat einen einfachen Test entwickelt, der mittels Messung der Hirnstromaktivität beim Lesen bestimmter Wörter Auskunft über mögliche Störungen gibt.

Die vier Worte „ein“, „mein“, „sein“ und „dein“ werden einer Person auf einem Bildschirm gezeigt und die Hirnstromaktivität dann beim Lesen mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen. Der Test basiert auf Studienergebnissen wonach bereits beim Lesen einfacher Worte elektrische Hirnaktivitäten eine Unterscheidung zwischen zwei Ebenen des „Ich“ erkennen lassen. Diese zwei Ebenen formen unsere Persönlichkeit, das „Ich“. Forscher vermuten, dass bei Persönlichkeitsstörungen unter Umständen nur eine der Ebenen betroffen ist.

Bisher stellen die standardisierten Interviewsysteme SKID-II bzw. IPDE valide testdiagnostische Ergänzungen zur klinischen Diagnostik dar, sind aber zeitaufwändig und müssen in Trainingsseminaren erlernt werden. Die neue Methode könnte demnach konkrete Hinweise auf selektive Beeinträchtigungen nur einer dieser Ebenen geben und so die klinische Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen radikal vereinfachen, was wiederum eine frühere und bessere Behandlung ermöglichen würde.

ICH = ICH¹ + ICH²

Grundlage der Arbeit ist die Beobachtung, dass die menschliche Persönlichkeit aus zwei ICH-Komponenten bzw. Ebenen – bezeichnet als „Me1“ und „Me2“- besteht. Diese lassen sich durch unterschiedliche Hirnaktivitäten nachweisen – insbesondere dann, wenn das Hirn Informationen auf einen Personenbezug hin analysiert. Die erste der beiden Komponenten unterscheidet dabei, ob eine Information einen – irgendeinen – Personenbezug hat und die zweite, ob die eigene oder eine andere Person betroffen ist.

Bei Persönlichkeitsstörungen kann es nun für die Diagnose wichtig sein, diese beiden Ich-Ebenen differenzieren zu können – doch genau das schaffen bisherige Diagnoseverfahren nicht. Dazu Prof. Walla: „Für Schizophrenie und Autismus beruhen die klassischen Diagnosen auf Befragungen – diese sind gerade bei Kindern nicht sehr zuverlässig. Zusätzlich können Befragungen, sowie die Befragten selbst, die beiden Ich-Ebenen nicht unterscheiden. Unsere Methode erlaubt nun eine objektive Untersuchung dieser beiden Persönlichkeits-Komponenten. Damit stehen völlig neue Therapiemöglichkeiten zur Verfügung.“

Das Beeindruckende an der von Prof. Walla entwickelten Methode ist dabei ihre einfache Anwendung: Die vier Worte „ein“, „mein“, „sein“ und „dein“ werden einer Person auf einem Computerschirm gezeigt und deren Hirnstromaktivität dann beim Lesen mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen. Dazu reichen wenige, auf der Kopfhaut befestigte, Elektroden. Das EEG zeigt dann die elektrischen Hirnaktivitäten nach dem Lesen der Worte – die sich je nach Wort unterscheiden.

WIR & ICH

Mit den nun in Cogent Psychology veröffentlichten Daten zeigt Prof. Walla, dass schon nach 250 Millisekunden unterschiedliche Aktivitäten im Hirn messbar sind. Dazu Prof. Walla: „Wurde das Wort „ein“ gelesen, war zu diesem Zeitpunkt die Hirnstromaktivität ganz deutlich anders als wenn eines der drei persönlichen Pronomen „mein“, „sein“ und „dein“ gelesen wurde (Wir). Das Hirn unterscheidet da eindeutig zwischen allgemeiner und personenbezogener Information. Dies repräsentiert die erste Ich-Ebene des Hirns.“ Weitere 200 Millisekunden später unterscheidet sich die Hirnstromaktivität nach dem Lesen des Wortes „mein“ stark von der nach dem Lesen aller anderen Worte. Zu diesem Zeitpunkt wird, so Prof. Walla, die zweite Ich-Ebene im Hirn aktiv. Diese erlaubt es nun, den Bezug einer Information für die eigene Person zu erkennen, wie zum Beispiel das bewusste Erleben von Gefühlen.

Aufgrund dieses innovativen Befundes wird angenommen, dass bei Persönlichkeitsstörungen womöglich nur eine der beiden Ebenen betroffen sein könnte. Bisher hatte man aber keinen methodischen Ansatz, diese beiden Ich-Ebenen zu unterscheiden. Insbesondere bei Kindern war es mit den bisherigen Methoden schwer, diese zu differenzieren. Mit der von Prof. Walla entwickelten Methode kann aber genau das auf einfache Art und Weise erfolgen. Aufgrund ihrer Simplizität eignet sich die Methode auch für die Anwendung bei Kindern. So schafft sie Möglichkeiten für eine frühere Diagnose als bisher – und damit die Voraussetzung für eine raschere und gezieltere Therapie.

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Quellen:

Walla, P. and Herbert, C. (2015). Hierarchy and dynamics of self-referential processing: the non-personal Me1 and the personal Me2 elicited via single words. Cogent Psychology, Volume 2, Issue 1, 2015
Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie

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