Phagen könnten bald Antibiotika ersetzen

Politik & Forschung

Durch den inflationären Einsatz von Antibiotika (AB) in den letzten Jahrzehnten haben sich Resistenzen bei Bakterien entwickelt. Das bedeutet: Antibiotika wirken nicht mehr. Die Lage ist mittlerweile dramatisch, deshalb sind Wissenschafter seit Jahren auf der Suche nach therapeutischen Alternativen. Sogenannte „Phagen“ könnten die Rettung sein.

Bei Bakteriophagen oder in der Kurzform einfach Phagen bezeichnet, handelt es sich um spezielle Viren, die gezielt Bakterien befallen und sie zerstören. Da bestimmte Phagen immer nur Bakterien einer bestimmten Art angreifen, werden etwa – anders als bei Antibiotika – gute Bakterien (z.B. der Darmflora) verschont.

Antibiotika wirken immer weniger, Phagen als neue Hoffnungsträger der Medizin

Phagen sind keineswegs neue Entdeckungen in der Medizin, sie wurden bereits 1917 entdeckt, verloren in den 1930er Jahren nach dem Siegeszug der Antibiotika allerdings an Bedeutung. Zumindest im Westen, denn in vielen Teilen Russland, in Polen und in Georgien wurde beharrlich weitergeforscht und die Phagentherapie weiterentwickelt. Bis heute werden dort zahlreiche Infektionen erfolgreich mit Phagencocktails behandelt.

Tatsächlich liegen die Vorteile der „guten“ Bakterienfresser auf der Hand: Für den Menschen gibt es praktisch keine Nebenwirkungen, da sich Phagen nur in Bakterienzellen vermehren können. Sie schleusen dazu ihre Erbinformationen in das Innere des Bakteriums ein und vermehren sich dort so lange bis die Bakterienzelle schließlich platzt. Wenn alle Bakterien vernichtet sind, haben die Phagen kein Betätigungsfeld mehr und werden aus dem Körper ausgeschieden.

Außerdem verursachen Phagen keine Kollateralschäden, da bestimmte Phagen immer nur eine bestimmte Art von Bakterien angreift. Anders als etwa bei Antibiotika werden nützliche und notwendige Bakterien (etwa der Darmflora) verschont. Gänzlich Risikofrei ist aber auch die Phagentherapie nicht, denn manche Bakteriophagen können bei ihrer Vermehrung bakterielle Gene in das Erbgut ihrer Nachkommen einbauen – zum Beispiel resistenzgene gegen Antibiotika. Dieses Risiko wurde von der Wissenschaft durch die Entschlüsselung des Phagenerbguts aber zunehmend reduziert.

Phagentherapie

Es gab schon sehr früh Ansätze, Phagen als Antibiotikaersatz zu nutzen, was bisher aber an der Anfälligkeit der Phagen gegenüber menschlichen Abwehrzellen scheiterte. Die Behandlung mit Bakteriophagen ist jedenfalls bei bakteriellen Infektionen definitiv eine mögliche Alternative zu konventionellen Antibiotikabehandlungen. Zwar können Bakterien Resistenzen auch gegen Phagen entwickeln, aber es besteht der Verdacht, dass diese Resistenz einfacher überwunden werden kann als die gegen Antibiotika.

Die Phagentherapie ist derzeit im Westen für den Einsatz am Menschen (noch) nicht zugelassen, dies liegt mehr an bürokratischen Hürden – Phagen sind weder klassische Medikamente noch Impfstoffe – und einer fehlenden Klassifizierung als an therapeutischen Nachteilen.

Doch die rasanten Fortschritte der Molekularbiologie haben allerdings bereits zu einem Umdenken geführt. es zeigen sich immer mehr Einsatzbereiche, bei denen die Phagentherapie sinnvoll einzusetzen wäre. Die Initiative P.H.A.G.E. setzt sich auf eine Regelung auf EU-Ebene ein. Manche Staaten haben auch schon die Zeichen der Zeit erkannt und fördern die Forschung an den Bakterienkillern. Die Zeit drängt jedenfalls, denn die Zahl der tödlichen antibiotikaresistenten Infektionen steigt und die therapeutische Wirksamkeit von Phagenmischungen in solchen Fällen ist mittlerweile klar dokumentiert.

Linktipps:



Über Kave Atefie

SEO-Consultant und Gründer des unabhängigen österreichischen Gesundheitsportals gesund.co.at, das seit Jahren zu einem der beliebtesten Themenportale im deutschen Sprachraum zählt. Der Anspruch auch komplexe Themen leicht verständlich für interessierte Laien aufzubereiten wurde zum Markenzeichen des Portals.