Tabu Darmerkrankungen

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Über Darmerkrankungen sprechen viele aus Scham nicht – und gehen mitunter erst spät zur Untersuchung. Dabei sind die Chronisch Entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa gar nicht so selten. Allein in Österreich geht man von rund 80.000 Betroffenen aus, Tendenz steigend. Dass die Diagnose- und die Behandlungsmöglichkeiten mittlerweile viel besser als früher sind betonen auch die Experten Univ. Prof. Dr. Peter Knoflach vom Klinikum Wels Grieskirchen, Oberarzt Dr. Thomas Haas (Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie) und der Onkologe Univ. Prof. Dr. Günther Steger im Interview mit unseren Kollegen von vielgesundheit.at.

Interview Darmerkrankungen

Seit seiner Jugend leidet Herr Enthammer an Morbus Chron, einer entzündlichen Darmerkrankung von der rund 80.000 Menschen alleine in Ö betroffen sind. Trotz schwerwiegender und deutlicher Symptome dauerte es zwei Jahre bis Ärzte schließlich im Landeshaus Salzburg die richtige Diagnose stellten. herr Enthammer schildert seine Erlebnisse im Interview wie folgt:

Hr. Enthammer: Wie es dazu kam ist im Endeffekt so gewesen, dass ich in der Pubertät eigentlich ein wenig übergewichtig war und dann innerhalb von sechs Wochen 35 kg abgenommen habe. Das wurde damals auf Dinge wie Bulimie oder Magersucht getrimmt und auch der Hausarzt meinte es würde mir nicht schaden, da ich sowieso dick war.

Anmerkung: Ständige Durchfälle und Schmerzen führten zunächst zum sozialen Rückzug.

Hr. Enthammer: Man hat zunächst keine Lust etwas zu unternehmen und sperrt sich bei einem schweren Schub eher zu Hause ein. Soziale Kontakte gehen dadurch verloren und kurzfristige Urlaubsplanungen sind nicht möglich. Sich schnell ins Auto zu setzen und irgendwo hinfahren kann man nur mit ein bis zwei Tagen vorher stattfindenden Planungen, indem man nicht nur feste Nahrung, sondern auch das Trinken abstellt um den Körper dementsprechend auszuhungern, wodurch eine zwei- bis dreistündige überhaupt möglich wird.

Anmerkung: Ein Schicksal, dass Herr Enthammer mit vielen Morbus Chron-Patienten teilt, auch weil die Krankheit zunächst alles dominiert und Darmerkrankungen nach wie vor tabuisiert werden, so der Ansprechpartner der österreichischen Vereinigung von Morbus Chron und Colitis Ulcerosa-Patienten.

Hr. Bruckner: Ein Großteil der Erkrankten will die Krankheit gar nicht in die Öffentlichkeit bringen. Entweder wegen der Arbeit oder weil sie sich dafür schämen. Alles, was zehn Zentimeter unter dem Nabel ist, ist nach wie vor ein Tabuthema.

Anmerkung: Herr Bruckner leidet selbst seit 16 Jahren an Morbus Chron. Sein behandelnder Arzt Dr. Peter Knoflach gilt als Experte auf diesem Gebiet und engagiert sich für die weitere Erforschung der Krankheit.

Dr. Knoflach: Unter chronisch entzündlichen Darmerkrankungen versteht man im wesentlichen zwei Haupterkrankungen: Colitis Ulcerosa, eine Entzündung mit Geschwüren, die sich nur auf den Dickdarm beschränkt und sich mit Durchfällen bemerkbar macht. Die andere Krankheit ist der Morbus Chron, das ist eine Entzündung, die chronisch den gesamten Magen-Darm-Trakt betreffen kann, aber Stellen hat wo sie besonders häufig auftritt. Das sind das Ende des Dünndarms, der Beginn des Dickdarms und eventuell auch der ganze Dickdarm. Diese Erkrankung geht auch manchmal mit Durchfällen einher, aber vor allem mit Schmerzen, Gewichtsverlust und Fieber. Sie ist am Anfang also etwas schwieriger zu erkennen. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist die Ursache dieser Erkrankungen nicht klar.

Anmerkung: Zum einen vermutet man, dass Bakterien eine Ursache sein könnten, zum anderen…

Dr. Knoflach: … ist es ein bisschen wie eine Allergie, weil sich eine Fehlreaktion an das eigene Gewebe richtet, als würde der Körper selbst seinen eigenen Darm zerstören. Beides ist keine wirkliche Erklärung, aber hilft uns besser zu verstehen wie die Krankheit abläuft und wie wir sie behandeln können.

Anmerkung: Die Therapiekonzepte sind allerdings gut ausgereift, wie der Leiter der Ambulanz für chronische Entzündungen und Darmerkrankungen am Landeshaus Salzburg, Oberarzt Doktor Haas betont.

Dr. Haas: Im Prinzip ist es eine Stufentherapie mit unterschiedlich potenten Medikamenten, die man an den Schweregrad der Erkrankung anpasst.

Anmerkung: Zur Verfügung stehen entzündungshemmende und teilweise immunregulierende Medikamente. Nach wie vor ist der zeitweilige Einsatz von Kortison nötig und in bestehenden Fällen auch von Biologika.

Dr. Haas: Sogenannte TNF-alpha-Antagonisten. Das sind Antikörper, die gegen ein Schlüsseleiweiß im Entzündungsprozess bei diesen Erkrankungen gerichtet sind, nämlich dem sogenannten TNF-alpha (Tumornekrosefaktor-alpha). Der wird durch den Antikörper blockiert, woraufhin die Entzündung abgeschwächt und abgebremst wird.

Anmerkung: Neben der medikamentösen Therapie ist ein ganzheitsmedizinischer Ansatz sehr wichtig.

Dr. Haas: Weil diese Erkrankungen eben nicht nur den Darm betreffen, sondern den ganzen Menschen. Das kann man nicht wirklich trennen. Einerseits sind auf körperlicher Ebene andere Systeme im Körper betroffen, das heißt wir brauchen andere Disziplinen um hier wirklich am letzten Stand der Wissenschaft behandeln zu können, andererseits ist natürlich eine Wechselwirkung mit der psychischen und psychosozialen Dimension dieser Erkrankungen gegeben.

Anmerkung: Daher werden heute in den meisten Spezialambulanzen und Zentren Psychologen und Psychotherapeuten eingebunden, die durch jahrelange Berufserfahrung die Bedeutung der psychosozialen Faktoren bei dieser Krankheit kennen.

Dr. Steger: Uns ist wichtig, dass die Patienten sich im Bezug auf ihre Erkrankung gut informiert fühlen, dass sie nicht nur medizinisch gesehen wissen was ihnen gut tut, sondern auch was emotionale, berufliche und andere Belastungen betrifft.

Anmerkung: Da die Früherkennung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen besonders entscheidend ist, haben Mediziner den sogenannten CED-Check (chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Anm.) entwickelt.

Dr. Knoflach: Unter CED-Check verstehen wir eine Liste von zehn Symptomen und Beschwerden, die an eine chronisch entzündliche Darmerkrankung denken lassen sollen. Dieser CED-Check ist eine Unterlage für die praktischen Ärzte, aber auch für die Patienten um rasch an diese zu denken und früher zu einer Diagnose zu kommen.

CED-Check

Als CED-Check bezeichnet man einen einfachen Fragenkatalog mit Antworten auf zehn einfache Fragen, die Aufschluss über das Erkrankungs-Risiko geben sollen. Wird nur eine davon mit ja beantwortet, liegt ein Verdacht auf eine Chronisch Entzündliche Darmerkrankung vor und eine ärztliche Abklärung ist dringend zu empfehlen. Hier die Fragen im Detail:

  • 1. Besteht/bestand länger als vier Wochen Durchfall (= mehr als drei flüssige Stühle pro Tag) oder wiederholte Episoden von Durchfällen?
  • 2. Bestehen/bestand länger als vier Wochen Bauchschmerzen oder wiederholte Episoden von Bauchschmerzen?
  • 3. Besteht/bestand regelmäßig oder wiederholt über mehr als vier Wochen Blut im Stuhl?
  • 4. Bestehen/bestanden nächtliche Bauchbeschwerden wie Bauchschmerz oder Durchfall?
  • 5. Besteht/bestand regelmäßig oder wiederholt über mehr als vier Wochen schmerzhafter Stuhldrang?
  • 6. Bestehen/bestanden Fisteln oder Abszesse im Analbereich?
  • 7. Besteht/bestand allgemeines Krankheitsgefühl, Schwäche oder Gewichtsverlust?
  • 8. Bestehen/bestanden Beschwerden außerhalb des Magen-Darm-Traktes wie Gelenksschmerzen, Augenentzündungen oder spezifische Hautveränderungen (z.B. mehrere unscharf begrenzte Flecken bzw. Knötchen unter der Haut, die leicht erhaben und sehr druckempfindlich sind)?
  • 9. Existiert in der Familienanamnese ein Hinweis auf Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa?
  • 10. Können andere Ursachen einer Durchfalls-Erkrankung ausgeschlossen werden, z. B. Fernreisen, Infektionen, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Medikamenteneinnahme wie NSAR (Antirheumatika) oder Antibiotika, sexuelle Praktiken?

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Quelle:

  • vielgesundheit.at – die MedizinMediathek
  • Linktipps:



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