Welttag des Gehirns heuer im Zeichen der Epilepsie

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Der jährliche Welttag des Gehirns am 22. Juli soll zu mehr Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Gehirn-Gesundheit und die Prävention oft unterschätzter neurologischer Erkrankungen beitragen. 2015 steht das Thema Epilepsie im Mittelpunkt dieser Informations- und Aufklärungsaktivität, die in Österreich von der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) umgesetzt wird.

Epilepsie ist mehr als nur Krampfanfälle

Der Begriff Epilepsie (Krampfleiden, Fallsucht) beschreibt eigentlich keine einzelne Krankheit, sondern die Folge einer Vielzahl von Hirnerkrankungen. Gemeinsames Merkmal ist eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen.

Epileptische Anfälle können ganz unterschiedlich aussehen: Manche dauern nur wenige Sekunden, bleiben fast unbemerkt. Sie äußern sich zum Beispiel als leichtes Muskelzucken, Kribbeln oder kleine Bewusstseinspause.

Epileptische Anfälle und Epilepsie sind nicht dasselbe. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe des Lebens an epileptischen Anfällen. Meistens treten diese aber nur vorübergehend auf und bedeuten nicht automatisch, dass eine Epilepsie vorliegt. Bei einem spontan auftretenden Anfall findet man auch nicht immer heraus, warum dieser stattgefunden hat.

„Mit mehr als 50 Millionen Betroffenen ist die Epilepsie weltweit eine der häufigsten chronischen neurologischen Krankheiten, jedes Jahr kommen 2,4 Millionen neue Diagnosen dazu“, so Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Grisold (SMZ Süd, Wien) Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und der Weltföderation für Neurologie (WFN).

„Zumindest jeder zweite Mensch mit Epilepsie weltweit könnte erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden, die übers Jahr nur fünf US-Dollar kosten. Bis zu 70 Prozent der Patienten könnten mit antiepileptischen Medikamenten anfallsfrei bleiben. Prof. Grisold: „Allerdings bekommen 75 bis 80 Prozent der Betroffenen in den meisten Ländern mit niedrigem Einkommen keinerlei medikamentöse Behandlung.“

Epilepsie frühzeitig erkennen und effektiv behandeln

In Österreich leben Experten zufolge bis zu 80.000 Menschen mit Epilepsie. „Das erste Auftreten dieser Anfälle fällt häufig in eine von zwei Lebensphasen, die frühe Kindheit, und hier besonders die ersten zwei Lebensjahre, sowie das höhere Lebensalter ab ungefähr 65 Jahren“, erklärt ao. Univ.-Prof. Dr. Martha Feucht, Leiterin der Ambulanz für erweiterte Epilepsiediagnostik, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, AKH/MedUni Wien. „In Österreich gehen wir von rund 3.000 Neuerkrankungen pro Jahr aus, die vorwiegend Kinder und ältere Menschen betreffen.“

Da Epilepsien sich durchaus nicht in allen Fällen in den typischen Krampfanfällen äußern, kann die Diagnostik anspruchsvoll sein. „Ein erschreckend hoher Teil der Betroffenen wird nach wie vor nicht oder zu spät erkannt, und viele der korrekt mit Epilepsie diagnostizierten Menschen werden nicht optimal behandelt“, so Prof. Feucht. „Das ist schon deshalb ein dramatischer Befund, weil epileptische Anfälle für die Betroffenen eine große medizinische und soziale Belastung darstellen. Im schlimmsten Fall können sie auch tödlich enden: Verletzungen, Unfälle, aber auch Komorbiditäten wie Depression, Angst und Suizidalität tragen dazu bei, dass Menschen mit Epilepsie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine dreimal so hohe Sterblichkeit aufweisen.“

Diskriminierung und Stigmatisierung

Menschen mit Epilepsie, die kompetent medikamentös behandelt werden und auf ihre Medikamente gut ansprechen, können mit wenigen Einschränkungen ein mit Gesunden vergleichbares Leben führen. Vorausgesetzt man lässt sie, betont ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Luef, Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck: „Ein großes Problem für viele Betroffene ist nach wie vor das mit der Epilepsie verbundene Stigma. Allein der heute überholte, aber nach wie vor verbreitete Begriff ‚Epileptiker‘ ist von Vorurteilen geprägt. Das ist eine völlige Fehleinschätzung, ebenso wie das Vorurteil, Epilepsie sei eine psychiatrische Erkrankung.“

Stigmatisierung sei schon deshalb nicht angebracht, weil Epilepsie jeden Menschen treffen kann, unabhängig von den intellektuellen Fähigkeiten und dem sozialen Status, so der Experte. „Viele Betroffene halten ihre Erkrankung in der Schule oder am Arbeitsplatz geheim, weil sie befürchten, dass ihnen daraus Nachteile entstehen könnten – leider oft noch zu Recht. Menschen mit Epilepsie werden tatsächlich immer noch in vielen Fällen diskriminiert, zum Beispiel bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.“

Arbeit, Sport, Schwangerschaft: Was heute mit Epilepsie alles möglich ist

Jenseits aller falschen Vorurteile gibt es einige reale Schwierigkeiten im Alltag, die im Zusammenhang mit Epilepsie auftreten können. Diese betreffen zum Beispiel die Verkehrstüchtigkeit und den Sport, so Prof. Luef. „Ob Epilepsie-Patienten gefahrlos Autofahren können, hängt davon ab, wie gut die Krankheit im Einzelfall unter Kontrolle ist. Treten nach einem Jahr keine Anfälle mehr auf, können die behandelnden Ärzte grünes Licht geben. Das gilt grundsätzlich auch für sportliche Aktivitäten, wobei man Wassersportarten jedoch eher meiden sollte. Es gibt sogar Olympiateilnehmer, Profi-Fußballer und eine Reihe von Spitzensportlern mit Epilepsie. Denn die Leistungsfähigkeit ist durch die Krankheit, sofern sie gut kontrolliert ist, nicht eingeschränkt.“

Früher galt als allgemeine Regel, dass für Frauen mit Epilepsie eine Schwangerschaft ausgeschlossen ist. „Das ist heute überholt“, betont Prof. Luef. „Allerdings sollten Schwangerschaften in diesem Fall unbedingt geplant und nicht unbeabsichtigt sein, Epilepsie-Patientinnen sollten also sicher verhüten. Wobei auch dies einer gründlichen Aufklärung bedarf, denn viele bei Epilepsie eingesetzte Medikamente interagieren mit oralen Verhütungsmitteln.“

Warum eine sorgfältige Planung der Schwangerschaft so wichtig ist: „Sowohl Anfälle als auch bestimmte Medikamenten können erhebliche Risiken für das Kind bergen. Eine gute Voraussetzung für eine Schwangerschaft ist Anfallsfreiheit unter einer Medikation, die kein hohes Risiko von Fehlbildungen mit sich bringt“, erklärt Prof. Luef. „Da Medikamente in den Zulassungsstudien niemals bei Schwangeren getestet werden, müssen wir das Risiko auf Basis sogenannter Register einschätzen, also von Datenbanken, in denen möglichst viele Schwangerschaften von Epilepsie-Patientinnen und deren Ergebnisse erfasst werden. Das bringt automatisch das Problem mit sich, dass wir zu den neueren Medikamenten sehr viel weniger Informationen haben als zu den älteren. Das europäische Schwangerschaftsregister EURAP, an dem auch Österreich teilnimmt, trägt hierzu sehr viel bei.“

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Quelle:

Österreichischen Gesellschaft für Neurologie

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