Erster Bluttest auf Alzheimer in Sicht – Peptidnachweis gibt Hoffnung

Politik & Forschung

Derzeit leiden rund 100.000 Österreicher an der Alzheimer Krankheit, weltweit sind es ca. 35 Millionen Menschen, eine Zahl, die sich bis zum Jahr 2050 auf geschätzte 115 Millionen erhöhen wird. Doch es gibt noch immer keine zuverlässigen Früherkennungstests der fortschreitende degenerative Hirnerkrankung, die bereits bis zu 30 Jahre vor dem Auftreten von Symptomen beginnen kann. Umso mehr lässt eine Meldung japanischer Wissenschafter aufhorchen, denen es gelungen ist Peptide im Blut zu bestimmen, die für die Alzheimer-Krankheit charakteristisch sind. Genau geht es um den Proteinbaustein β-Amyloid (Aβ), der bisher als Biomarker nur in der Hirnflüssigkeit bestimmt werden konnte. Die Bestimmung von Biomarkern ist eine fest etablierte Methode in klinischen Untersuchungen und nimmt bei der Diagnose und Prognose der Alzheimer-Erkrankung immer mehr an Bedeutung zu.

Früherkennung der Alzheimer-Krankheit im Fokus der Forschung

Bei der Erforschung von Krankheiten, speziell bei der Diagnoseerstellung spielen Biomarker in der Medizin mittlerweile eine zentrale Rolle. Biomarker sind messbare biologische Faktoren, die wertvolle Informationen zur Krankheitsdiagnose, Risiko der Krankheitsentwicklung und effektiven therapeutischen Strategien liefern. Eine frühe Diagnose wäre gerade bei Alzheimer wichtig, um der Erkrankung entgegenzuwirken.

Zwar gibt es für Alzheimer einzelne biologische Signale im Liquor wie die Beta-Amyloid Peptide (Aß-Peptide) oder die Tau-Proteine, die als Ansatz für die medikamentöse Behandlung herangezogen werden können – aber nicht „den einen“ Biomarker, der eindeutig anzeigt, dass der oder die Betroffene in Zukunft klinisch an einer neurodegenerative Erkrankung leiden wird.

Gegenwärtig verwenden Ärzte bildgebende Verfahren zur Darstellung des Gehirns oder einen Test der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit durch Entnahme Hirnflüssigkeit, um herauszufinden, ob Patienten eine Anhäufung von Beta-Amyloid im Gehirn haben. Aber diese Tests sind invasiv, teuer und zeigen möglicherweise nur Ergebnisse, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist.

Forschern aus Japan und Australien ist es nun aber gelungen, Peptide auch im Blut zu bestimmen, die für die Alzheimer-Krankheit charakteristisch sind. Aus den Konzentrationsverhältnissen können sie überdies mit hoher Genauigkeit ablesen, ob die Blutproben von gesunden Menschen stammten, von solchen mit leichten kognitiven Störungen (MCI) oder von Alzheimer-Patienten, berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Nature.

„Dies könnte eine frühere und einfachere Diagnose der Alzheimer-Krankheit ermöglichen“, so Professor Richard Dodel, Demenz-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Derzeit gibt es noch kein Medikament, das den Ausbruch oder das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit aufhält. Patienten hätten deshalb noch keinen unmittelbaren Nutzen von dem Test, betont der Neurogeriater.

Nachweis im Blut weckt Hoffnung auf Früherkennung von Alzheimer

Der Test bestimmt mit hoher Genauigkeit β-Amyloid (Aβ), ein Eiweißbruchstück, das sich schon Jahrzehnte vor Ausbruch der klinischen Symptome im Gehirn von Alzheimer-Patienten ansammeln kann. Es lässt sich bisher zuverlässig nur mit zwei Methoden nachweisen: mit einer Aufnahme des Gehirns mit einer speziellen Variante der Positronen-Emissions-Tomographie („Amyloid-PET“) oder mit der Entnahme von Nervenwasser im Rahmen einer Lumbalpunktion mit anschließendem Nachweis verschiedener Proteine (Aβ und tau-Protein).

„Die erste Methode erfordert einen hohen apparativen und logistischen Aufwand mit entsprechenden Kosten, die zweite Methode kann insbesondere für ältere Patienten eine Belastung sein“, so Neurogeriater Richard Dodel, Lehrstuhlinhaber am Universitätsklinikum Essen und Chefarzt des Geriatrie-Zentrums Haus Berge am Elisabeth-Krankenhaus. „Viel besser wäre ein Bluttest.“

Massenspektroskopie statt Immunassay

Aβ findet sich im Blut aber nur in sehr geringen Konzentrationen. Versuche, es dort mit Hilfe von Immunassays (ELISA) nachzuweisen und daraus auf die Konzentrationen im Gehirn zu schließen, hatten in der Vergangenheit zu inkonsistenten Ergebnissen geführt. In der neuen Arbeit nutzten die japanischen und australischen Forscher eine Kombination aus Immunpräzipitation und Massenspektroskopie, die wesentlich empfindlicher ist als ELISA.

Auch bestimmten sie nicht die Gesamtmenge an Aβ, sondern das Konzentrationsverhältnis dreier Aβ-Varianten zueinander: Aβ42, Aβ40 und APP669-711.
Getestet wurde die Zuverlässigkeit der Methode anhand zweier Gruppen von zusammen 373 Patienten, die in Japan bzw. Australien bereits mit PET und anderen Methoden untersucht worden waren. Dabei konnte der neue Test mit hoher Zuverlässigkeit vorhersagen, ob die Studienteilnehmer Aß-Ablagerungen im Gehirn hatten oder nicht. Mit der Kombination zweier Quotienten für die verschiedenen Aß-Varianten erreichte die Vorhersagegenauigkeit 90 Prozent.

Anwendung in klinischen Studien, noch kein Durchbruch

Die ersten Anwendungen erwartet der Neurologe Dodel in klinischen Studien. „Für die Erforschung von Therapien, die in Frühphasen der Alzheimer-Krankheit ansetzen, mit dem Ziel, den Verlauf zu verlangsamen oder ihr Fortschreiten gar zu stoppen, wäre ein verlässlicher Bluttest ein Fortschritt. Studienteilnehmer mit hoher Aβ-Last wären leichter zu identifizieren, und man könnte womöglich auch einfacher als bislang feststellen, welchen Einfluss Arzneikandidaten auf die Ablagerungen haben.“ Mittelfristig könne ein Bluttest auch die Diagnose im Verdachtsfall verbessern oder helfen, Menschen mit hoher Belastung zu erkennen, so Dodel weiter.

„Vor einer Zulassung müssen die Ergebnisse allerdings unabhängig bestätigt werden – und auch die Kostenfrage gilt es zu klären.“

Auch andere Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, nehmen den Befunden etwas Wind aus den Segeln. Es handle sich dabei zwar um einen wichtigen Schritt, die Ergebnisse der Studie, an der 252 Australiern und 121 Japaner zwischen 60 und 90 Jahren teilnahmen, müssten aber zunächst repliziert werden.

„Wenn die Studie mit einer größeren Anzahl von Menschen wiederholt werden kann, wird dieser Test uns einen Einblick in Veränderungen geben, die im Gehirn im Zusammenhang mit Alzheimer auftreten“, sagte Mark Dallas, Dozent für Neurowissenschaften an der britischen Universität Reading. „Noch ist eine Blutprobe als Diagnose für Alzheimer in weiter Ferne.“

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Quelle:

¹ High performance plasma amyloid-β biomarkers for Alzheimer’s disease [Nature; 8. Feb. 2018; 554(7691):249–254. doi: 10.1038/nature25456]
² Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

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