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Hochverarbeitete Lebensmittel stehen seit Jahren im Zentrum ernährungsmedizinischer Debatten. Sie gelten als Mitverursacher von Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gleichzeitig sind sie fester Bestandteil moderner Ernährungssysteme – und oft kaum vermeidbar.
Doch eine aktuelle Übersichtsarbeit im Fachjournal BMJ Nutrition, Prevention & Health bringt eine wichtige Differenzierung in die Diskussion: Nicht alle hochverarbeiteten Lebensmittel sind gleichermaßen gesundheitsschädlich.
Diese Erkenntnis könnte helfen, die oft stark vereinfachte „gut vs. schlecht“-Debatte um industrielle Lebensmittel neu zu bewerten – und gezieltere Ernährungsempfehlungen zu entwickeln.
Was sind hochverarbeitete Lebensmittel eigentlich?
Der Begriff „hochverarbeitet“ (englisch: Ultra-Processed Foods, UPF) stammt aus der sogenannten NOVA-Klassifikation, die Lebensmittel nach ihrem Verarbeitungsgrad einteilt:
- Gruppe 1: Unverarbeitete oder minimal verarbeitete Lebensmittel (z. B. Obst, Gemüse, Getreide)
- Gruppe 2: Verarbeitete Zutaten (z. B. Öl, Zucker, Salz)
- Gruppe 3: Verarbeitete Lebensmittel (z. B. Brot, Käse)
- Gruppe 4: Hochverarbeitete Lebensmittel (UPF)
UPF zeichnen sich typischerweise aus durch:
- viele Zutaten, darunter Zusatzstoffe
- industrielle Herstellungsprozesse
- lange Haltbarkeit
- hohe Energiedichte
- oft niedrige Nährstoffqualität
Typische Beispiele sind Fertiggerichte, Softdrinks, Snacks, Süßigkeiten – aber auch Frühstückscerealien oder pflanzliche Fleischalternativen.
Die neue Studienlage: Differenz statt Pauschalurteil
Die aktuelle Übersichtsarbeit um Hana Kahleova analysierte 14 Studien – darunter prospektive Beobachtungsstudien und randomisierte klinische Studien. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen UPF-Konsum und wichtigen Gesundheitsrisiken zu untersuchen, insbesondere:
- Diabetes mellitus
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Gesamtsterblichkeit
Ein zentrales Ergebnis: Die gesundheitlichen Effekte variieren stark je nach Art des hochverarbeiteten Lebensmittels.
Welche hochverarbeiteten Lebensmittel problematisch sind
1. Süße Getränke
Dazu zählen:
- zuckerhaltige Softdrinks
- gesüßte Fruchtsäfte
- Getränke mit künstlichen Süßstoffen
Diese Produkte sind besonders kritisch, weil sie:
- schnell verfügbare Energie liefern
- kaum sättigen
- den Blutzucker stark beeinflussen
Zahlreiche Studien zeigen, dass sie das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
2. Stark verarbeitete Fleischprodukte
Hierzu gehören:
- Wurstwaren
- Fleischfertiggerichte
- industriell verarbeitete Fleischprodukte
Diese enthalten häufig:
- gesättigte Fettsäuren
- Salz
- Konservierungsstoffe (z. B. Nitrite)
Sie stehen in Zusammenhang mit erhöhtem Risiko für:
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Diabetes
- bestimmte Krebsarten
3. Fette, Dips und Fertigsaucen
Diese Kategorie umfasst:
- Margarine
- Mayonnaise
- Fertigsaucen
Oft enthalten sie:
- raffinierte Pflanzenöle
- Zusatzstoffe
- hohe Mengen an Salz oder Zucker
Auch hier zeigte sich ein Zusammenhang mit ungünstigen gesundheitlichen Effekten.
Welche UPF möglicherweise schützen könnten
Überraschend ist: Einige hochverarbeitete Lebensmittel waren in den analysierten Studien mit geringerem Krankheitsrisiko verbunden.
1. Vollkornprodukte und Cerealien
Beispiele:
- Müsli
- Vollkorntoast
- Frühstückscerealien
Diese enthalten oft:
- Ballaststoffe
- Vitamine
- sekundäre Pflanzenstoffe
Studien zeigen, dass sie das Risiko für:
- Diabetes
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- vorzeitigen Tod
senken können – trotz ihres UPF-Status.
2. Pflanzliche Fleisch- und Wurstalternativen
Diese Produkte gelten ebenfalls als hochverarbeitet, zeigen aber in Studien teils positive Effekte, insbesondere wenn sie tierische Produkte ersetzen.
Mögliche Vorteile:
- weniger gesättigte Fettsäuren
- kein Cholesterin
- höhere Ballaststoffzufuhr
Randomisierte Studien zeigen, dass der Austausch tierischer Produkte durch pflanzliche Alternativen kardiometabolische Vorteile bringen kann.
Faktenbox: Ultra-Hochverarbeitete Lebensmittel (UPF) auf einen Blick
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Sind alle stark verarbeiteten Lebensmittel gesundheitsschädlich? | Nein. Die Wirkung hängt stark von der jeweiligen Lebensmittelgruppe ab. |
| Was zeigt die Übersichtsarbeit? | Unterschiedliche Effekte auf Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit. |
| Lebensmittel mit erhöhtem Risiko | Süße Getränke, stark verarbeitetes Fleisch, Fette, Dips und Saucen |
| Lebensmittel mit möglichem Schutz | Vollkornprodukte, Cerealien, pflanzliche Fleisch- und Wurstersatzprodukte |
Warum unterscheiden sich die Effekte so stark?
1. Nährstoffprofil statt Verarbeitungsgrad allein
Der Verarbeitungsgrad ist nicht der einzige entscheidende Faktor. Wichtiger ist oft:
- Gehalt an Ballaststoffen
- Fettqualität
- Zuckeranteil
- Salzgehalt
Ein Vollkornprodukt kann trotz Verarbeitung ernährungsphysiologisch wertvoll sein, während ein Softdrink nahezu keine Nährstoffe liefert.
2. Lebensmittelmatrix und Sättigung
Die sogenannte „Lebensmittelmatrix“ beeinflusst, wie Nährstoffe im Körper wirken.
- Flüssige Kalorien (z. B. Softdrinks) sättigen kaum
- Feste, ballaststoffreiche Produkte fördern Sättigung
Dies hat direkte Auswirkungen auf Energieaufnahme und Gewicht.
3. Ersatz-Effekte in der Ernährung
Ein entscheidender Punkt ist, was durch ein Lebensmittel ersetzt wird.
- Pflanzliche Alternativen ersetzen oft Fleisch → positiver Effekt
- Softdrinks ersetzen Wasser → negativer Effekt
Die gesundheitliche Wirkung hängt daher auch vom gesamten Ernährungsumfeld ab.
Kritische Einordnung der Studie
So wichtig die Ergebnisse sind – sie sollten differenziert betrachtet werden.
1. Heterogene Studienbasis
Die Übersichtsarbeit basiert auf:
- 12 Beobachtungsstudien
- 2 randomisierten Studien
Beobachtungsstudien können Zusammenhänge zeigen, aber keine eindeutige Ursache-Wirkung-Beziehung beweisen.
2. Unterschiedliche Definitionen von UPF
Die NOVA-Klassifikation ist zwar weit verbreitet, aber auch umstritten. Kritiker bemängeln:
- zu grobe Einteilung
- fehlende Differenzierung innerhalb der Gruppen
- starke Abhängigkeit von Interpretation
3. Einfluss von Lebensstilfaktoren
Menschen mit hohem UPF-Konsum unterscheiden sich oft auch in anderen Punkten:
- weniger Bewegung
- höherer Tabakkonsum
- andere Ernährungsgewohnheiten
Diese Faktoren können die Ergebnisse beeinflussen.
Warum das Thema unterschätzt wird
Trotz wachsender Evidenz wird der Einfluss hochverarbeiteter Lebensmittel oft unterschätzt.
1. Allgegenwärtigkeit im Alltag
UPF sind:
- günstig
- leicht verfügbar
- lange haltbar
Sie machen in vielen Ländern bereits einen Großteil der täglichen Kalorienzufuhr aus.
2. Marketing und Gesundheitsversprechen
Viele Produkte werden als „gesund“ vermarktet, obwohl sie stark verarbeitet sind.
- „Fitness“-Cerealien
- Proteinriegel
- vegane Ersatzprodukte
Dies erschwert eine klare Einordnung.
3. Komplexität der Ernährung
Ernährung ist kein einzelner Faktor, sondern ein Zusammenspiel vieler Einflüsse. Der Fokus auf einzelne Lebensmittel greift oft zu kurz.
Was bedeutet das für Verbraucherinnen und Verbraucher?
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Differenzierung ist entscheidend.
Praktische Empfehlungen
- Qualität vor Verarbeitungsgrad bewerten
- Zuckerhaltige Getränke möglichst vermeiden
- Verarbeitetes Fleisch reduzieren
- Vollkornprodukte bevorzugen
- Pflanzliche Alternativen gezielt einsetzen
Fazit: Weg von Schwarz-Weiß-Denken
Die neue Übersichtsarbeit zeigt klar: Nicht alle hochverarbeiteten Lebensmittel sind gleich.
Ein pauschales Urteil greift zu kurz. Stattdessen kommt es auf:
- die Art des Produkts
- seine Nährstoffzusammensetzung
- seine Rolle im gesamten Ernährungsstil
an.
Für die Forschung bedeutet das: Zukünftige Studien müssen stärker differenzieren. Für die Praxis heißt es: Informierte Entscheidungen statt pauschaler Verbote.
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Quellen:
¹ Not all ultra-processed foods are created equal: a review (Kahleova H. et al. in bmjnph 2026;0:e001358.) DOI: doi:10.1136/bmjnph-2025-001358
² Lane MM, Gamage E, Du S, et al. Ultra-processed food exposure and adverse health outcomes: umbrella review of epidemiological meta-analyses. The BMJ. 2024;384:e077310.
DOI: 10.1136/bmj-2023-077310
³ Nicht alle hochverarbeiteten Lebensmittel sind gleich „schlecht“ (AOK)
Linktipps:
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