Ist die Angst vor der Vollnarkose berechtigt?

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Jeder, der schon einmal eine Operation hatte, kennt die Angst vor einer Vollnarkose. Beunruhigende Mythen kursieren, von denen einige besagen, dass jede Vollnarkose die Lebensdauer verkürzt oder die Narkose gefährlicher als die Operation selbst ist. Was ist dran? Und ist die Angst berechtigt?

Keine Panik vor der Vollnarkose

Eine Narkose führt zu Bewusstseinsverlust, Schmerzausschaltung und Muskelentspannung. Dabei wird medikamentös ein künstlicher schmerzfreier Tiefschlaf herbeigeführt um diagnostische oder therapeutische Eingriffe unter – sowohl für den Patienten als auch für den Arzt – optimalen Voraussetzungen durchführen zu können. Anders als bei lokaler Anästhesie (örtlicher Narkose oder Teilnarkose), wird nicht nur das Schmerzempfindung, sondern auch das Bewusstsein des Patienten vollständig ausgeschalten.

Manche Patientinnen/Patienten empfinden die Einleitung der Allgemeinanästhesie eher als unangenehmen Kontrollverlust, die meisten als entspanntes Einschlafen.

Viele Patienten beunruhigt die Vorstellung, nicht mehr aus der Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) aufzuwachen. Das Risiko, an einer Vollnarkose zu sterben, ist jedoch heutzutage sehr gering, es liegt heute bei 0,008 bis 0,009% und ist damit kaum größer als im wachen Zustand. Ein etwas erhöhtes Narkoserisiko haben sehr alte kranke Patienten und sehr kleine Kinder.

Allgemeine Informationen zur Vollnarkose

Als Narkose wird der künstliche Schlaf bezeichnet, der die Patienten in einen Zustand der Empfindungslosigkeit versetzt und damit die chirurgischen Eingriffe ermöglicht. Die Narkose wird mehrstufig durchgeführt. Ob Gase, Infusionen oder andere Medikamente zum Einsatz kommen, wird durch den Anästhesisten bestimmt. Bei Erwachsenen kommt Narkosegas kaum noch zur Anwendung, bei Kindern in der Einleitungsphase, um die Angst vor der Spritze zu nehmen.

Medikamente werden aus den Gruppierungen der Schlaf, Beruhigungs- und Schmerzmittel eingesetzt. Damit die Muskulatur komplett entspannen kann, werden zusätzlich Muskelrelaxantien gegeben.

Für die Narkose ist der Anästhesist zuständig. Er überwacht die Konzentration und Wirksamkeit der Narkosemittel und behält die Vitalfunktionen im Auge.

Was genau ist gefährlich an der Vollnarkose?

Das größte Problem stellen unbekannte Allergien auf die Medikamente dar. Durch den Narkosezustand ist der Patient nicht in der Lage, auf Unwohlsein hinzuweisen. Daher wird ein kritischer Zustand nur an den Veränderungen der Vitalfunktionen bemerkt. Dass diese sich aufgrund einer Allergie verschlechtern, ist unter einer Operation, wo es durch die chirurgischen Aktivitäten ja auch zu Komplikationen kommen kann, nicht immer gleich festzustellen.

Allerdings kann ein rasches Eingreifen hier auch schnell wieder Abhilfe schaffen.

Ein weiteres Risiko stellen Vorerkrankungen und ein schlechter Allgemeinzustand dar. Manchmal ist dieser Allgemeinzustand altersbedingt und ohne Aussicht auf Stabilisierung. Dann werden nur noch unvermeidbare Operationen durchgeführt, weil Narkosen zu gefährlich wären. Unerkannte Vorerkrankungen stellen ein besonders hohes Risiko dar, weil bei bekannten Problemen der Fokus ja bereits auf den zu erwartenden Komplikationen liegt.

Geplanten Operationen gehen oft lange Phasen mit großen Schmerzen voraus. Der für den Patienten zwar nötige, aber für den Organismus sehr belastende Konsum von Schmerzmitteln, kann unter einer langandauernden Narkose auch Komplikationen auslösen. Besonders die Einnahme von Ibuprofen ist über längere Zeit sehr kritisch zu betrachten, weil Herzprobleme auftreten können, die ein Patient oft nicht gleich wahrnimmt.

Der Todesfall ist natürlich die schlimmste Komplikation. Er tritt allerdings auch nur sehr selten auf (weniger als 1 Patient von 100.000). Häufigste Ursachen für Komplikationen sind Nebenwirkungen der Medikamente oder Überdosierungen. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder illegalen Substanzen können die Narkose gefährlich werden lassen.

Was genau passiert während einer Vollnarkose

Im Zusammenwirken von Beruhigungs-, Schmerz- und Entspannungsmitteln gerät der Patient stufenweise von einem gelösten Zustand in die Bewusstlosigkeit und ist während des Eingriffs in einem komplett entspannten und empfindungslosen Zustand.

Die Überwachung von Blutdruck, Temperatur, Herzrhythmus, Sauerstoffsättigung etc. übernimmt der Anästhesist. Er sorgt dafür, dass die Medikamente für die Dauer der Operation ausreichend dosiert zugeführt werden. Nach der Operation wird die Zufuhr abgestellt und eine schnelle Ausleitung angestrebt.

Standards an Kliniken und sichere Medikamente

Das Deutsche Gesundheitssystem ist sehr fortschrittlich und Medikamente unterliegen strengen Kontrollen. Daher sind Vollnarkosen heutzutage sehr sicher. Das früher häufig auftretende Erbrechen nach den Narkosen tritt heute kaum noch auf.

Als Patient hat jeder auch eine Eigenverantwortung. Heimlich genommene Medikamente wie Potenzmittel oder Diätpillen, sollten bei der Befragung vor der Operation nicht verschwiegen werden. Auch wenn niemand gern zugibt, Barbiturate oder Anabolika zu nehmen, vor einer Narkose muss man da über seinen Schatten springen und offen sein.

Andere Betäubungsmöglichkeiten

Fest steht, dass bei großen chirurgischen Eingriffen im Bauchraum, am Herzen oder Transplantationen eine Vollnarkose alternativlos ist.

Phobien lassen inzwischen allerdings auch bei Zahnärzten die Vollnarkosen immer häufiger zur Anwendung kommen. Da gibt es mit Lachgas und lokaler Betäubung inzwischen jedoch gute Möglichkeiten, eine schmerzfreie Behandlung zu gewährleisten. Von der Zahnversicherung für Privatpatienten werden auch die Kosten für besondere Verfahren wie Hypnose o.ä. übernommen, die weitaus risikoärmer sind als eine Vollnarkose.

Eine leichtere Form der Narkose kommt inzwischen zum Beispiel bei Hüftoperationen zum Einsatz. Hier befindet sich der Patient nicht in der Vollnarkose, nimmt aber die Operation an sich nicht bewusst wahr. Beinamputationen werden teilweise auch mit der PDA durchgeführt, um die Risiken einer Vollnarkose zu umgehen.

Mögliche Spätfolgen einer Vollnarkose

Die Ein- und Ausleitung einer Narkose haben aus medizinischer Sicht eigentlich keinen Nutzen, werden aber gemacht, um den Patienten stressfrei in Narkose zu bringen und ihn schnell aus der Narkose zurückzuholen. Normalerweise sind die Medikamente wenige Stunden nach der Operation vom Körper bereits wieder abgebaut und den meisten Menschen geht es rasch wieder gut. Ein nicht unerheblicher Teil von Patienten hat allerdings mit Nachwirkungen zu kämpfen, die sich bis weit nach der Operation zeigen und zu erheblichen Einschränkungen führen.

Unmittelbar nach dem Eingriff kann es zum postoperativen Delirium kommen. Das äußert sich in Verwirrung, Desorientierung bis hin zu Wahnvorstellungen. Es wird auch als Durchgangssyndrom bezeichnet und kann einen betroffenen Patienten nachhaltig traumatisieren. Trotzdem wird es von vielen Kliniken völlig unterschätzt und Studien zufolge werden über 80 % gar nicht erst diagnostiziert. Patienten die das erlebt haben, beschrieben sich als völlig verändert, nach der Operation. Langandauernde kognitive Störungen von einer leichten Vergesslichkeit bis hin zu schweren Konzentrationsstörungen bringen das Leben völlig durcheinander. Im schlimmsten Fall entwickeln die Betroffenen sogar eine Demenz.

Besondere Risikogruppen hierfür sind wie so oft die ganz kleinen – Kinder und die alten Menschen – Senioren. Ihr Hirnstoffwechsel ist besonders anfällig. Doch auch Menschen in den Lebensjahren dazwischen können ein erhöhtes Risiko haben, wenn es Vorerkrankungen gibt oder Infektionen bestehen, auf die bei Notfalloperationen keine Rücksicht genommen werden kann.

Wer dieser Thematik Aufmerksamkeit schenkt, hat auch die Möglichkeit Präventionsangebote zu machen und den Patienten entsprechend die Angst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass das Erwachen kein böses Erwachen wird. Ausführliche Vorgespräche, die Unsicherheiten ausräumen und ggf. Angebote zur Stärkung von Skelett, Muskeln und Nerven, verbessern die Voraussetzungen des Patienten im Vorfeld und mindern das Risiko eines Delirs.

Fazit

Grundsätzlich ist eine Vollnarkose statistisch gesehen eine sehr sichere Angelegenheit. Bestimmte Risiken kann ein Patient bereits senken, indem er Vorerkrankungen und die Einnahme von Medikamenten allumfassend und wahrheitsgetreu angibt. Auf Drogen, Rauchen und Alkohol zu verzichten, wirkt sich positiv auf die Narkoseverträglichkeit aus.

Zu Todesfällen oder zum Aufwachen unter der Narkose kommt es recht selten. Hier ist jedoch zu berücksichtigen, dass wesentlich mehr Todesfälle auf dem Operationstisch a mit hoher Sicherheit ganz andere Ursachen haben, als die Narkose oder Ärztefehler.

Recht häufig tritt das postoperative Delir oder Durchgangssyndrom auf, das leider zu starken Einschränkungen über einen längeren Zeitraum führen kann.

Aufregung und Ängste vor einer Operation sind ganz normal. Angst und Panik blockieren jedoch Körper und Geist und sollten unbedingt ausgesprochen werden. Aufklärung und Information geben Sicherheit und können die Angst abbauen.

Am Ende ist die Entscheidung für oder gegen eine Operation immer noch die Entscheidung des Betroffenen. In den meisten Fällen ist die Narkose das kleinere Übel, gemessen am Grund der Operation und den damit verbundenen Einschränkungen der Lebensqualität. Wenn es alternative Betäubungsmöglichkeiten gibt und diese sicherer erscheinen, dann kann dies besprochen werden.

Vertrauen in den Arzt ist sehr wichtig. Und manchmal hilft auch der Gedanke, dass der Einzelne nur einmal operiert wird, der Chirurg diesen Eingriff aber täglich mehrmals macht und der Anästhesist ihm dabei zur Seite steht. Je mehr Erfahrung die Ärzte haben, desto eher erkennen sie auch, wenn sich Komplikationen durch die Narkose anbahnen.

Fakt ist: Komplikationen während einer Operation werden nur in seltenen Fällen durch die Narkose ausgelöst.

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Quellen:

Vollnarkose (Allgemeinanästhesie)
Zahnversicherung für Privatpatienten

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