Kapillarmikroskopie bei Rheuma: treffsichere Diagnose in wenigen Minuten

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„Rheuma” ist bekanntlich keine Diagnose, sondern ein Überbegriff für unterschiedliche Erkrankungen. Was aber leider nahezu alle Rheumaformen eint: Sie sind Autoimmunerkrankungen, bei denen der Körper eigenes Gewebe attackiert. Falsch oder zu spät behandelt führen sie rasch zu Gelenkszerstörungen, bisweilen auch zu Organschäden und zu deutlichen Einschränkungen der Körperfunktionen. Frühzeitige, korrekte Einordnung der Symptome und sachgerechte Behandlung verbessern die Lebensperspektiven der Betroffenen daher ganz entscheidend! Mit Hilfe der Kapillarmikroskopie werden kleinste Blutgefäße am Nagelbett dicht unter der Oberfläche mit einem speziellen Mikroskops untersucht. Weisen sie spezielle Muster auf, kann das ein Hinweis auf eine rheumatische Erkrankung sein. Die Methode ist völlig schmerzfrei und nicht invasiv.

Diagnose oft immer noch spät und unpräzise

Leider wird die Diagnose vieler Rheumaformen immer noch viel zu spät gestellt! Eine mögliche Erklärung dafür liefert Rheumatologe Dr. Michael Stierschneider, Oberarzt am Evangelischen Krankenhaus-Wien: „Mittlerweile weiß man, das sich entzündliche rheumatische Erkrankungen häufig nur an kleinsten Gefäßen zeigen. Durch Doppler-Ultraschall oder aufwändigere Untersuchungen wie Röntgenbild oder MRT lassen sich solche minimalen Veränderungen meistens nur indirekt nachweisen.“

Kapillarmikroskopie: Gewissheit in 10 Minuten

Um endgültige Gewissheit zu erlangen müssen mitunter Gewebsproben entnommen werden, was für den Patienten unangenehm sein kann. Dies könnte man Patienten längst ersparen: Eine ganz einfache, interessanterweise in Österreich nur vereinzelt angebotene Untersuchung, bringt ebenso präzise Ergebnisse und deckt Krankheitsbilder auf, noch bevor sie Beschwerden bereiten. Rheumatologe Stierschneider: „Durch die Kapillarmikroskopie, eine einfache, aber effiziente Diagnosemethode, können wir binnen weniger Minuten selbst kleinste Gefäßveränderungen exakter erkennen als mithilfe radiologisch-bildgebender Verfahren.“

Die Kapillarmikroskopie hat in der Diagnostik rheumatischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen und stellt die derzeit beste Methode zur Unterscheidung des primären vom sekundären Raynaud-Syndroms dar, da sie funktionelle Mikrozirkulationsstörungen von den morphologischen Veränderungen bei der organischen Mikroangiopathie unterscheiden kann.

Und so läuft die Untersuchung ab: Der Patient setzt sich bequem hin und legt einfach den zuvor leicht eingeölten Finger aufs Mikroskop. Dank eines ganz modernen Software-Programms erkennt der Arzt am Bildschirm auch kleinste kapillare Gefäßmuster. Detailliert untersucht wird vor allem der Nagelfalz, also der Übergang vom Nagel zur Haut.

Erkrankung entdecken, bevor sie „im Lehrbuch“ steht

Diese Patienten-freundliche, strahlungsfreie Untersuchung gilt international als Goldstandard, um ein primäres Raynaud-Syndrom, also eine Mikro-Durchblutungsstörung der Hände, vom sekundären, einer Autoimmunerkrankung, zu unterscheiden. Auch Gefäßentzündungen sowie Sklerodermie, eine autoimmune Multisystemerkrankung, die das Bindegewebe der Haut sowie innerer Organe gefährlich verhärten kann, lassen sich damit entdecken. Und zwar oft lange, bevor sich erste Symptome zeigen.

Auch spezielle Laborauswertungen des Blutes unterstützen die Treffsicherheit der Diagnose: „Besteht etwa der Verdacht auf Gefäßentzündung, lassen wir immer ganz bestimmte Parameter wie den antinukleären Faktor (ANF) sowie ANCA-Autoantikörper mit bestimmen. Denn Blutuntersuchungen nach Schema F haben in solchen Fällen wenig Aussagekraft“, gibt Internist und Rheumatologe, Prim. Doz. Dr. Peter Peichl vom Evangelischen Krankenhaus zu bedenken. Es gelte, so der Experte für Autoimmunerkrankungen, eine Krankheit beim Patienten zu entdecken, bevor sie „im Lehrbuch“ steht.

OA Dr. Stierschneider: „Je früher man weiß, um welche rheumatische Erkrankung es sich wirklich handelt, desto leichter ist deren Verlauf für den Patienten. Umgekehrt kann man dank dieser Untersuchung auch bestimmte Krankheiten ausschließen. Daher setzen wir die Kapillarmikroskopie bei Bedarf im Rahmen unserer Rheuma-Ambulanz ein.“

Kapillarmikroskopische Untersuchungen finden in der Rheuma-Ambulanz am Evangelischen Krankenhaus in Wien jeweils an Dienstagen statt. Anmeldung: 01/40422-2802, bzw. 2820 DW.

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Quellen:

Evangelisches Krankenhaus Wien – Rheumaambulanz
Rheumaambulanz – GZ Wien-Süd

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