Antigentests: Wären private Selbstabstriche zuverlässig?

Politik & Forschung

Mit dem steigenden Bewusstsein, dass die Corona-Pandemie noch weit ins Jahr 2021 Probleme bereiten wird, steigt die Nachfrage nach privaten Corona Antigentests. Derartige Antigen-Schnelltests können vor allem für Unternehmen und deren Mitarbeiter und natürlich überall, wo es schnell ein Ergebnis braucht, zum Beispiel vor Veranstaltungen (Konzerte, Theater usw.) oder dem Besuch von Angehörigen im Spital oder Pflegeheim, eine große Entlastung bringen.

Doch die Entnahme des Abstrichs ist vom medizinischen Laien nicht ohne weiteres durchführbar, womit das Risiko für falsche Ergebnisse steigt. Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Universitätsklinikums Heidelberg hat deshalb untersucht, unter welchen Umständen derartige Tests, die nicht von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden, praktikabel und zuverlässig sind.

Vorteile von Antigentests

Antigen-Schnelltests sind zwar weniger genau als PCR-Tests, können aber durch ihre Schnelligkeit und einfache Durchführung einen wichtigen ergänzenden Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten und den Alltag in bestimmten Situationen risikoärmer gestalten.

Bei Antigentests wird quasi nicht eine tatsächliche Infektion des Getesteten, sondern seine Virenlast bestimmt. Bestimmt wird somit die Infektiosität, also ob er zum Zeitpunkt des Abstrichs (und die folgenden 24 Stunden) ansteckend ist oder nicht. Ein negativ Getesteter kann zum Zeitpunkt des Antigentests also bereits sehr wohl mit dem Coronavirus infiziert sein, die Virenlast reicht aber zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht aus um andere anstecken zu können.

Im Vergleich dazu benötigt ein PCR-Test, der direkt das Erbgut des Virus nachweisen kann, keine so große Virenlast wie der Antigentest und ist deshalb genauer. Wenn ein Antigen-Test positiv ausfällt, muss in Österreich derzeit noch zur Bestätigung ein PCR-Test durchgeführt werden. Nachteil, die Auswertung des Test muss in einem Labor erfoolgen und dauert in der Regel zumindest 12 Stunden (privater Test, selbst bezahlt) bis hin zu 5 Tagen (öffentliche Gratistests).

Antigen-Schnelltests können innerhalb von 15 bis 30 Minuten direkt vor Ort Aufschluss darüber geben, ob eine Person zum Testzeitpunkt mit SARS-CoV-2 infiziert ist und andere Menschen anstecken könnte.

Die Tests könnten damit beispielsweise den Besuch eines Familienmitglieds im Pflegeheim oder Krankenhaus sicherer machen. Dennoch werden sie bisher noch nicht weitflächig eingesetzt. Einer der Gründe: Ihr Einsatz ist in den meisten Fällen bisher nur möglich, wenn die Probe von medizinischem Personal aus dem Nasen-Rachen-Raum entnommen wurde.

Herausforderung Nasen-Rachen-Abstrich

„Ein solcher professioneller Nasen-Rachen-Abstrich ist aus zwei Gründen eine Hürde für den breiten Einsatz von Antigen-Schnelltests“, sagt Prof. Dr. Frank Mockenhaupt, kommissarischer Direktor des Instituts für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit der Charité.

„Erstens ist ein tiefer Nasenabstrich für viele Menschen unangenehm, sie werden eine regelmäßige Testung deshalb vielleicht eher meiden. Zweitens bindet der Abstrich medizinisches Personal, ist organisatorisch aufwendig und benötigt eine Schutzausrüstung.“ Zusammen mit Privatdozentin Dr. Claudia Denkinger, Leiterin der Sektion Klinische Tropenmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg, hat Prof. Mockenhaupt deshalb eine Studie aufgesetzt, um einen Selbstabstrich aus der vorderen Nase unter medizinischer Anleitung als mögliche Alternative zu einem professionellen tiefen Nasenabstrich zu prüfen.

Studie zum Selbstabstrich für Antigen-Schnelltest

Die Untersuchung fand zwischen Ende September und Mitte Oktober in der Coronavirus-Untersuchungsstelle der Charité statt. Menschen mit SARS-CoV-2-typischen Symptomen, die an der Studie teilnehmen wollten, erhielten vom medizinischen Personal zunächst Instruktionen für den Selbstabstrich. Danach sollten die Studienteilnehmenden einen Tupfer in 2 bis 3 Zentimeter Tiefe für 15 Sekunden in kreisenden Bewegungen an den Innenwänden ihrer Nase entlangführen.

Anschließend entnahm das Personal von den Erkrankten einen tiefen Nasenabstrich (nasopharyngeal). Beide Proben wurden vor Ort auf einen in Deutschland zugelassenen Antigen-Schnelltest aufgetragen und die Ergebnisse miteinander verglichen. Zusätzlich nahm das Personal einen kombinierten Abstrich aus dem Mund- und Nasen-Rachen-Raum, um per PCR eine Referenz-Diagnose auf SARS-CoV-2-Infektion stellen zu können.

39 der 289 Studienteilnehmer (13,5 Prozent) erwiesen sich auf Basis der PCR-Testung als infiziert mit SARS-CoV-2. Bei 31 von ihnen (knapp 80 Prozent) schlug auch der Antigen-Schnelltest an, wenn die Probe professionell tief aus der Nase entnommen wurde. Der Selbstabstrich aus der vorderen Nase lieferte bei 29 von den Infizierten (rund 74 Prozent) das korrekte Ergebnis.

„Dass Antigen-Schnelltests nicht so sensitiv sind wie die PCR, hatten wir natürlich erwartet“, sagt Privatdozentin Dr. Denkinger. „Bei genauerem Hinsehen hatten die Antigentests insbesondere in den Fällen eine Infektion übersehen, in denen die Patienten nur eine geringe Viruslast hatten.“ Betrachtete das Forschungsteam dagegen nur die Erkrankten mit einer hohen Viruslast, schlugen die Antigentests bei tiefen Nasenabstrichen jedes Mal an, bei den Selbstabstrichen in knapp 96 Prozent der Fälle.

„Die Studie zeigt uns, dass die angeleiteten Selbstabstriche für den untersuchten Antigentest nicht schlechter als professionelle Abstriche aus dem Nasen-Rachen-Raum sind“, erklärt Privatdozentin Dr. Denkinger. „Festere Tupfer, die sich besser für den Abstrich im Nasenvorhof eignen, könnten die Genauigkeit des Tests noch erhöhen.“ Im November machte der Bund rechtlich den Weg frei für den erweiterten Einsatz von Antigen-Schnelltests – sie können nun grundsätzlich auch durch geschultes Personal an Kitas und Schulen eingesetzt werden**.

„Mit den neuen rechtlichen Möglichkeiten fällt die Abhängigkeit von medizinischem Personal weg“, sagt Privatdozentin Dr. Denkinger. „Das macht die Antigen-Schnelltests skalierbarer. Wissenschaftliche Daten zu Selbstabstrichen wie in dieser Studie dürften den Entscheidungsträgern helfen, neue Konzepte zu implementieren.“

Selbsttestungen: wichtige Ergänzung zum Testangebot mit Restrisiko

Prof. Mockenhaupt ergänzt: „Die Schnelltests sind eine wichtige Ergänzung der angespannten PCR-Testkapazitäten. Allerdings sind Selbstabstriche und Selbsttestungen nicht unkritisch: Eine fehlerhafte Durchführung oder ein falsches Ablesen kann eine falsche Sicherheit nach sich ziehen.

Andererseits sollte ein positiver Schnelltest durch eine PCR bestätigt werden.“ Im nächsten Schritt wird das Forschungsteam deshalb untersuchen, ob Antigen-Schnelltests auch dann zuverlässige Ergebnisse liefern, wenn sie von Laien komplett ohne professionelle Unterstützung durchgeführt werden.

Vor dem Weihnachtsfest mit der Familie einen Corona-Schnelltest zu machen kann das Risiko einer Corona-Infektion definitiv minieren. Derzeit empfehlen Experten in Österreich aber, diesen Test unbedingt von medizinisch geschultem Personal (etwa im Rahmen der Gratistestungen in Österreich bzw. in Apotheken oder Labor-Instituten, die dies anbieten).

Problematisch könnte die Handhabung mit Antigen-Schnelltests im Privatbereich auch in einem anderen Bereich werden. Legt sich nämlich eine Privatperson einen Antigen-Schnelltest – etwa im Internet oder in einer Apotheke – zu und wird der Test Zuhause durchgeführt, fließen die Ergebnisse in keine offizielle Statistik.

Und natürlich darf nicht verschwiegen werden, dass positive Ergebnisse bei privaten Tests verschwiegen werden können, da es im privaten Wohnraum selbstverständlich keine Überwachung gibt.

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Quellen:

– Originalpublikation: Head-to-head comparison of SARS-CoV-2 antigen-detecting rapid test with self-collected anterior nasal swab versus professional-collected nasopharyngeal swab (A. Lindner, O. Nikolai et al. in European Respiratory Journal 2020) DOI:10.1183/13993003.03961-2020
– www.deutschesgesundheitsportal.de

*Lindner AK et al., Head-to-head comparison of SARS-CoV-2 antigen-detecting rapid test with self-collected anterior nasal swab versus professional-collected nasopharyngeal swab. Eur Respir J 2020. doi: 10.1183/13993003.03961-2020

** Deutschland: Mit dem Dritten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite hat der Gesetzgeber im November geregelt, dass der Arztvorbehalt für Schnelltests entfällt und diese Tests grundsätzlich durch entsprechend geschultes Personal angewendet werden können. Die neue Verordnung zur Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung regelt ergänzend, dass Schnelltests auch an Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kitas abgegeben werden können. Siehe Verordnung zur Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung des Bundesgesundheitsministeriums.

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