Antibiotika Management: Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenz

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Die ungebremste Zunahme von Resistenzen gegen Antibiotika lässt bei Experten die Alarmglocken schrillen. Die offizielle Regierungspolitik beschwört Gelassenheit wie ein eben abgelehnter Antrag der Grünen im österreichischen Parlament zeigt, doch die Zeit drängt. Die globale Dimension des Problemfelds von Antibiotikaresistenzen wird durch den Report „The State of the World’s Antibiotics 2015“ deutlich: Zwischen den Jahren 2000 und 2010 stieg der weltweite Verbrauch von antibiotischen Medikamenten um 30 Prozent.

Ein unkritischer Einsatz hat dazu geführt, dass Mikroorganismen Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln. In Folge verlieren diese Medikamente ihre Wirksamkeit, was das Wohl und die Gesundheit von Patienten gefährdet.

Antibiotika zählen weltweit zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Unbestritten ist, dass sie seit Beginn ihres Einsatzes in der Humanmedizin Millionen Menschenleben gerettet und entscheidend zur global im Durchschnitt gestiegenen Lebenserwartung beigetragen haben. Übermäßiger und teilweise unsachgemäßer Einsatz hat aber dazu geführt, dass immer mehr Bakterien gegen Antibiotika immun geworden sind. Vor allem die Zunahme von Resistenzen gegenüber wichtigen Antibiotikagruppen und von multiresistenten Keimen ist beunruhigend.

Die Österreichische Gesellschaft für Krankenhaushygiene und die Patientenanwälte Österreichs haben deshalb eine Informationskapagne gestartet um dem Thema mehr Öffentlichkeit zu geben und bei den Verantwortlichen das Bewusstsein um die Dringlichkeit schnellen Handelns zu schärfen.

Antibiotikaresistenz – fehlendes Problembewusstsein, zögerliche Politik

Bereits im März 2015 forderten die Grünen in einem Entschließungsantrag die Entwicklung von Bundes-Leitlinien zum therapeutischen Einsatz von Antibiotika, die auf die österreichische Situation abgestimmt sind, sowie ein ausreichendes Angebot von Schulungen für ärztliches Personal besonders im Hinblick auf Möglichkeiten zur Differenzierung von bakteriellen und viralen Infektionen durch Einsatz von Tests.

Hintergrund: ein einfacher Schnelltest, der anzeigt, ob ein Patient an einer bakteriellen Erkrankung oder an einer Virusinfektion leidet, wird nicht von allen Krankenkassen bezahlt und deshalb von Ärzten kaum verwendet. Ein solcher Test könnte aber die Zahl der sinnlos verschriebene Antibiotika (diese wirken ja nur bei bakteriellen, nicht aber viralen Infekten) dramatisch reduzieren. Der Antrag wurde im Gesundheitsausschuss von SPÖ, ÖVP und FPÖ abgelehnt.

Nun melden sich aber auch Experten öffentlich zu Wort und befassen sich dabei mit Themen wie etwa der Notwendigkeit zur verbesserten Ärzteschulung bis hin zum Beitrag, den Patienten und deren Angehörige zur Vermeidung von Antibiotikaresistenzen leisten können. Unter dem Begriff Antibiotika-Management bzw. Antimicrobial Stewardship werden Maßnahmen zusammengefasst, die sich mit der Eindämmung der Resistenzen gegen Antibiotika befassen, mit dem Ziel die Patientensicherheit zu erhöhen.

Was bedeutet Antibiotikaresistenz?

Antibiotika sind Stoffwechselprodukte von Pilzen oder Bakterien, die schon in geringer Konzentration in der Lage sind, das Wachstum von anderen Mikroorganismen zu hemmen oder diese abzutöten. Diese Eigenschaft macht sie zu den wichtigsten Arzneimitteln zur Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten und hat seit Beginn ihres Einsatzes in der Humanmedizin Millionen Menschenleben gerettet.

Wenn ein Bakterium resistent gegen ein Antibiotikum wird, bedeutet das, dass die minimale Konzentration an Antibiotikum, die ursprünglich das Bakterium im Wachstum gehindert hat, nicht mehr wirkt und das Bakterium nicht mehr am Wachstum gehindert wird. Bei einer Antibiotikumresistenz reagieren die Bakterien also nicht mehr auf ein bestimmtes Antibiotikum. Eigentlich sollte es die Erreger bekämpfen, doch durch die Resistenz, die sie entwickelt haben, werden sie durch das Medikament aber nicht mehr beeinflusst. Das Antibiotikum ist also wirkungslos geworden.

Man geht davon aus, dass Mikroorganismen beinahe gegen jedes Antibiotikum Resistenzen entwickeln können. Hauptursache dafür ist zweifellos der sorglose Einsatz dieser Stoffe und die unkritische Anwendung sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin.

Antibiotikaresistenzen als globales Problem

Die globale Dimension des Problemfelds von Antibiotikaresistenzen wird durch den Report „The State of the World’s Antibiotics 2015“ deutlich: Zwischen den Jahren 2000 und 2010 stieg der weltweite Verbrauch von antibiotischen Medikamenten um 30 Prozent. Neben dem Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin wurden 2010 auch 63.200 Tonnen an Antibiotika in der Tierzucht verwendet.

Im humanmedizinischen Bereich entfallen rund 20 % der Antibiotikaverschreibungen auf den Sektor der Krankenanstalten, die restlichen 80 % werden entweder im niedergelassenen Bereich verschrieben oder direkt, ohne ärztliche Kontrolle, vom Patienten erworben („community use“). Der Bericht konstatiert für „community use“ zu rund 50 % keine medizinische Notwendigkeit – etwa bei Erkältungen oder Darminfektionen. Diese global hohe Anzahl des Fehleinsatzes begünstigt die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.

Um die Auswirkungen zu unterstreichen: Das US Center for Disease Control schätzt, dass alleine in den USA jährlich 23.000 Todesfälle in direktem Zusammenhang mit Krankheitserregern stehen, die Resistenzen gegenüber Antibiotika entwickelt haben.

Diese alarmierende Entwicklung veranlasste die Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly) dazu, im Mai 2015 eine Resolution zu dieser Thematik zu verabschieden. Darin wurden alle Mitgliedstaaten der WHO aufgefordert, bis 2017 nationale Aktionspläne zur Verhinderung von Antibiotikaresistenzen für die konkrete Umsetzung zu entwickeln.

Antibiotika Management & Antimicrobial Stewardship in Österreich

Der „Nationale Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz“, der im Augenblick aktualisiert wird, befasst sich unter anderem mit dem NI-AMR Schwerpunkt Antimicrobial Stewardship. So erarbeiten deutsche und österreichische Experten ein Konsenspapier zur Thematik. Die künftige Leitlinie soll dazu führen, dass in allen Krankenanstalten ein Antimicrobial-Stewardship-Programm-Team (ASP-Team) implementiert wird. Bestehen sollen diese Teams aus zumindest einem klinischen Infektiologen oder einem ASP-geschulten Facharzt sowie Krankenhaushygienikern, Mikrobiologen, Apothekern, Informatikern oder anderen fachbezogenen Experten.

Die Größe des ASP-Teams wird in Relation zur Dimension der Krankenanstalt bemessen. Zudem soll eine standardisierte Dokumentation des Antibiotikaverbrauchs durch die versorgende Apotheke erfolgen. Die Finanzierung dieser Maßnahmen soll aus Einsparungen durch die Rationalisierung des Antibiotikaverbrauchs erfolgen.

Der „Nationale Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz“ plädiert mit Bezug auf die EU-Initiative „Eine Gesundheit“ dafür, dass die mikrobiologische Diagnose die Grundlage für die richtige Behandlung von Infektionskrankheiten darstellt. Die gezielte Therapie von Infektionen anstelle der empirischen Anwendung von Antibiotika soll dazu beitragen, unnötige Verschreibungen antibiotischer Medikamente zu verhindern und Surveillance-Aktivitäten zu fördern. Derzeit gibt es in Österreich keine verbindlichen Standards zur mikrobiologischen Diagnostik, Resistenztestung und Berichterstattung in diesem Kontext.

Aktionsplan zur Abwehr der Antibiotikaresistenz

Die EU-Kommission hat bereit im Jahr 2011 zwölf Maßnahmen zur Abwehr der Antibiotikaresistenz für die folgenden fünf Jahre formuliert:

1. Verstärkung der Sensibilisierung für den angemessenen Antibiotikaeinsatz,

2. Verschärfung der EU-Rechtsvorschriften für Tierarzneimittel und Fütterungsarzneimittel,

3. Einführung von Empfehlungen zum umsichtigen Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin, einschließlich Kontrollberichte,

4. Stärkung der Infektionsprävention und -kontrolle in Krankenhäusern und anderen stationären Einrichtungen,

5. Einführung von Rechtsinstrumenten zur Verstärkung von Infektionsprävention und -kontrolle bei Tieren im Rahmen des neuen EU-Tiergesundheitsrechts,

6. Förderung neuartiger Zusammenarbeit, um neue Antibiotika zum Patienten zu bringen,

7. Förderung der Bemühungen zur Bedarfsanalyse für neue Antibiotika in der Veterinärmedizin,

8. Entwicklung und/oder Verstärkung multilateraler und bilateraler Verpflichtungen zur Prävention und Eindämmung der Antibiotikaresistenz,

9. Verstärkung der Überwachungssysteme für Antibiotikaresistenz und Antibiotikaverbrauch in der Humanmedizin,

10. Verstärkung der Überwachungssysteme für Antibiotikaresistenz und Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin,

11. Verstärkung und Koordinierung der Forschung,

12. Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Antibiotikaresistenz.

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Quellen:

¹ Österreichische Gesellschaft für Krankenhaushygiene
² Antibiotikaresistenz: wenn Antibiotika nicht mehr wirken (gesund.co.at)
³ Entschließungsantrag GRÜNE ÖSTERREICH: Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenz (999/A(E))

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