Impfung gegen Multiple Sklerose? Neuer Ansatz gibt Hoffnung.

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Multiple Sklerose – kurz MS – ist eine chronische entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. bei der Autoimmunerkrankung greift die eigene Körperabwehr die schützenden Hüllen der Nervenfasern an. Ursache: das Immunsystem hat seine Fähigkeit verloren, zwischen fremden und körpereigenen Proteinen zu unterscheiden und produziert deshalb Antikörper gegen eigenes Gewebe. MS ist nach wie vor nicht heilbar, weshalb die Bemühungen nach wirkvollen Therapien auf Hochtouren laufen, schließlich leben allein in Österreich rund 12.500 Menschen mit der Krankheit. Doch die Suche nach einer wirkungsvollen Impfung war bisher nicht mit Erfolg gekrönt, Wissenschafter aus Israel wollen nun einen neuen Ansatz gefunden haben.

Um auf krankmachende Mikroben schnell reagieren zu können, hat der menschliche Körper eine Abwehr aus Wachen, Informanten und Kämpfern aufgebaut. Damit die unterschiedlichen Zellen des Immunsystems miteinander kommunizieren können, besitzen sie Rezeptoren auf ihrer Oberfläche, an die Botenstoffe binden können und so Signale übertragen.

Bestimmte Botenstoffe helfen also Immunzellen den Weg zum Einsatzort zu finden. Bei Multipler Sklerose werden sie aber in eine falsche Richtung gelockt. Israelische Forscher wollen genau das verhindern und zwar in Form einer Impfung gegen MS.

Chemokine steuern Bewegungen von Zellen

Eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Eindringlingen spielen ein Rezeptor, CCR6, und der daran bindende Botenstoff, ein sogenannter Ligand namens CCL20. Diese beiden gehören zu einer Gruppe von Rezeptoren und Botenstoffen, die die Bewegung von Zellen anregt, den Chemokinen.

Fehlgesteuerte T-Helferzellen locken Immunzellen in das zentrale Nervensystem

Chemokine steuern die Bewegungen von Spermien, auswachsende Nervenzellen, aber auch der Zellen der Immunabwehr, die sich ihren Weg im Gewebe bahnen müssen. So aktivieren CCR6-CCL20 gemeinsam eine Gruppe von Abwehrzellen, die T-Helferzellen. Eine spezielle Unterform der T-Helferzellen fördert bei Multipler Sklerose Schäden an den Nervenzellen. Sie produzieren vermehrt den Botenstoff CCL20, der dadurch verstärkt andere T-Zellen anlockt. Dies ist ein normaler Vorgang, doch bei Multipler Sklerose erkennen fehlgesteuerte T-Helferzellen Bestandteile von Nervenzellen als fremd und lockern vermehrt Immunzellen in das zentrale Nervensystem, die dann wiederrum die Nervenzellen angreifen können.

Regulation der Konzentration des Botenstoffs durch das Immunsystem selbst anregen

Dr. Peled vom Goldyne Savad Institut für Gentherapie in Ness Ziona, Israel, und Kollegen untersuchten an Mäusen, die an einer Art MS leiden, der experimentellen Autoimmunenzephalomyelitis, ob ein Abfangen des Botenstoffs CCL20 den erkrankten Tieren helfen könnte. Dazu nutzten sie die Immunabwehr selbst: Sie impften Mäuse mit zwei Varianten von CCL20. Dadurch sollte das Immunsystem auf CCL20 reagieren und es aus dem Blut entfernen. Weiter wurde untersucht, ob die Erkrankung der Tiere positiv auf diese Impfung ansprach.

Je mehr Antikörper gegen den Botenstoff, desto milder war Mäuse-MS

Die Forscher fanden, dass sich tatsächlich die Maus-Multiple Sklerose abhängig von den Chemokinen entwickelte. Eine Impfung mit einer der Testsubstanzen bewirkte, dass Tiere Antikörper gegen die Mausvariante von CCL20 ausbildeten. Diese Tiere zeigten sich geschützt vor dem Ausbruch der durch eine spezielle Substanz (myelin oligodendrocyte glycoprotein, MOG) ausgelösten Erkrankung oder zeigten einen milderen Verlauf. Je mehr Antikörper gegen CCL20 die Tiere im Blut aufwiesen, desto geringer ausgeprägt war die Erkrankung bei ihnen. Dieser Schutz konnte mittels Bluttransfer auf weitere Tiere übertragen werden.

Synthetisches Eiweißmolekül hatte den gleichen Effekt bei Impfung

Die Forscher entwickelten außerdem auch ein spezielles ringförmiges Eiweiß aus Elementen bakterieller Außenwände, die sich besonders gut zur Medikamentenentwicklung eignen. Diese Wandelemente ähneln auch dem als wirksam gefundenen Impfstoff. Bei Impfung mit diesem Eiweißring, reagierte die Mausabwehr tatsächlich ebenfalls. Sie bildete Antikörper gegen CCL20, die Bakterienwände und das ringförmige Eiweiß selbst. Im Labortest zeigte sich, dass diese neue Substanz das Potential hat, die Aktivität von CCL20 zu hemmen. Im Tierversuch milderte sie die Maus-Multiple Sklerose ab. Antikörper gegen einen anderes Chemokin, CXCL10, zeigten keine solche Wirkung.

Ähnlicher Mechanismus auch beim Menschen denkbar

Besonders spannend ist in dem Zusammenhang, dass bei gesunden Menschen erhöhte Antikörperkonzentrationen gegen CCL20 im Vergleich zu Multiple Sklerose-Patienten gefunden wurden. Hier scheint also eine bessere Regulation des Botenstoffes vorzuliegen. Die Maus-Methode könnte also im Prinzip sehr ähnlich auch beim Menschen funktionieren. Diese Ergebnisse lassen hoffen, dass dieser Ansatz der Impfung gegen einen wahrscheinlichen Faktor bei der Multiplen Sklerose nicht nur eine neue alternative Behandlung ermöglicht, sondern in der Zukunft sogar den Ausbruch der Erkrankung komplett verhindern könnte.

Falsche Hoffnungen?

Immer wieder gab es in jüngerer vergangenheit zum Teil recht spektakuläre Ankündigungen. 2010 nährten Wissenschaftler des DFG-Forschungszentrums für Regenerative Therapien der TU Dresden und der Harvard University in Boston die Hoffnungen auf eine Impfung. Es war ihnen bei Mäusen gelungen die zerstörerischen Immunzellen mittels körpereigener Antigene zu deaktivieren, der Therapieansatz war dabei ähnlich wie bei der Hyposensibilisierung zur Behandlung von Allergien. beim Menschen hat dies allerdings nicht funktioniert.

2016 stand dann das synthetische Pflanzenpeptid Zyklotid im Mittelpunkt von Spekulationen. Forscher der Med-Uni Wien haben ihre Studienergebnisse dazu veröffentlicht. Dabei wurde aufgezeigt, dass ebenfalls in Mausversuchen beobachtet werden konnte, dass das Auftreten von MS-Symptomen durch die orale Verabreichung von Zyklotiden erheblich reduziert wird. Der Wirkstoff (kommt in Kaffee-, Kürbis- und Nachtschattengewächsen vor), unterdrückte den Botenstoff Interleukin-2 und damit die Teilung der T-Zellen, die eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von MS spielen. Es zeigte sich aber auch hier, dass es in diesem Fall nicht möglich war von Tierstudien auf den Menschen zu schließen.

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Quellen:

¹ www.deutschesgesundheitsportal.de

² Originalstudie: Natural and induced immunization against CCL20 ameliorate experimental autoimmune encephalitis and may confer protection against multiple sclerosis. (Abraham M, Karni A, Mausner-Fainberg K, Weiss ID, Peled A. in Clin Immunol. 2017 Sep 20.) doi: 10.1016/j.clim.2017.09.018

³ Forschung zu Multipler Sklerose: Wohin die Reise geht (derstandard.at)

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