Leben mit Schizophrenie – World Mental Health Day

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    Der World Mental Health Day am 10. Oktober steht 2014 unter dem Motto „Leben mit Schizophrenie“. Statistisch gesehen erkrankt jeder hundertste Mensch an einer Schizophrenie, und zwar Männer und Frauen etwa gleich häufig. In Österreich gibt es rund 800 Neuerkrankungen pro
    Jahr. Trotz der Häufigkeit der Erkrankung und der Tatsache, dass rund 80.000 Österreicher einmal in ihrem Leben eine psychotische Phase durchleben, wird das Krankheitsbild der Schizophrenie noch immer von zahlreichen Mythen begleitet.

Schizophrenie: Betroffene und Angehörige leiden an Erkrankung und Diskrimierung

In der Bevölkerung werden die Begriffe „Schizophrenie“ und „schizophren“ manchmal fälschlicherweise für „gespaltene Persönlichkeit“ oder Widersprüchlichkeit verwende; bei dem deutschen Begriff „Bewusstseinsspaltung“ und seiner Deutung à la „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ beginnen die Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Schizophrenie ist aber eine Erkrankung, die zu Störungen der Informationsverarbeitung, zu Trugwahrnehmungen, Ängsten und Wahnideen führen kann.

Der eigentlichen Erkrankung geht meist ein Vorstadium mit unspezifischen Frühsymptomen voraus: Plötzlicher Leistungsabfall, innere Unruhe, Grübelei­en, anhaltende Schlaf­störungen und Reizbarkeit sind hervorstechende Begleiter­schei­nungen, führen aber im Frühstadium selten zur Diagnose ‚Schizophrenie‘ weil sie einfach zu unspezifisch sind. Die Krankheitsverläufe können dann außerordentlich unterschiedlich sein und hängen vom Schweregrad der Symptome ab. Charakteristische Beschwerden sind Denkstörungen, Halluzinationen und wahnhaftes Denken (Plussysmtome) die medikamentös gut beherrsch­bar sind. Weniger auffällig, aber problematischer – weil schwerer behandelbar – sind die sogenannten Minussymp­to­me, wie Mangel an Aktivität und Vitalität, Apathie, verlangsamte Sprache und Körperbewegun­gen.

Die Störungen des Gefühlslebens äußern sich besonders merklich im Umgang mit anderen Menschen und machen den Kontakt mit an Schizophrenie Erkrankten besonders schwer: Scheinbare Unberührtheit bei traurigen Anlässen, plötz­liche Gefühlseinbrüche, gegensätzliche Gefühlsregungen sowie die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, sind typische Symptome, die von der Umwelt oft als verstörend wahrgenommen werden.

Gesellschaftliche Vorurteile erschweren das Leben der Betroffenen

Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Prim. Dr. Georg Psota, verdeutlicht mit Hilfe von Daten aus Deutschland, dass die Vorurteile gegenüber den Betroffenen in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen haben: „Trotz steigender Akzeptanz für psychiatrische Behandlung hat sich die negative Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft nicht verbessert. Im Gegenteil: Im Fall der Schizophrenie haben Angst und soziale Ablehnung sogar noch zugenommen.“

Der führende Experte Österreichs in der Erforschung der Schizophrenie, Univ.-Prof. Dr. W. Wolfgang Fleischhacker von der Medizinischen Universität Innsbruck, erklärt eine mögliche Ursache für das Stigma: „Die Erklärung für die starke Stigmatisierung der Schizophrenie ist wahrscheinlich doch recht simpel. Die Menschen können sich in andere psychische Erkrankungen wie eine Depression oder in eine Angststörung viel leichter hineinversetzen, als in die Schizophrenie. Daher ist uns das Erleben der Betroffenen so fremd und darum macht es oft Angst.“

Frühe Intervention um psychosoziales Leistungsniveau zu erhalten

Heimtückisch ist, dass sich zwei Drittel aller Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises im Krankheitsverlauf als chronisch erweisen: zwischendurch kann sich eine Besserung zeigen, aber phasenweise kehrt die Schizophrenie in – meist verstärkten – Schüben wieder. Das oberste Behandlungsziel ist daher die Vermeidung von Rückfällen, denn jeder Rückfall kann die Prognose dramatisch verschlechtern. Univ. – Prof. Dr. W. Wolfgang Fleischhacker betont: „Je früher behandelt wird, desto erfolgreicher ist die Behandlung. Bei rascher Diagnose und prompter konsequenter Therapie erzielen wir ausgezeichnete Erfolge mit zum Teil völliger Rückbildung der Symptomatik. Wenn diese Therapie aufrechterhalten wird, können auch beim Großteil der Patienten Rückfälle vermieden werden.“

Mehr Aufklärung und bessere Versorgung

Eine Aufklärung über psychiatrische Erkrankungen und die Etablierung eines leicht zugänglichen, modernen Versorgungsnetzes, das auch ambulant und direkt beim Patienten zur Verfügung steht, ist daher unabdingbar für eine Inklusion der Betroffenen und zur Unterstützung der Angehörigen, die vielfach einen Großteil der extramuralen Betreuung leisten. Eine gesellschaftliche Akzeptanz der Schizophrenie würde auch einer Vielzahl der Betroffenen den Umgang mit ihrer Erkrankung erleichtern.