Stoffungebundenen Süchte: Nur wenige Betroffene suchen Hilfe bei Spielsucht & Co.

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Wenn Glücksspiele die Lebensführung der betroffenen Person beherrscht und das Spielverhalten zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt, spricht man von Spielsucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das pathologische Glücksspiel, bei dem der Spieldrang bei Betroffenen gänzlich unbeherrschbar ist bereits 1991 als eine psychischer Störungen (ICD-10) klassifiziert. Der Leidensdruck bei betroffenen ist groß, dennoch nutzen nur etwa zehn Prozent der Spielsüchtigen die Angebote von Suchthilfe-Einrichtungen.

Laut der ersten österreichischen Glücksspielpräventionsstudie (Kalke, 2011), bezogen auf das Jahr 2010, sind in Österreich insgesamt 1,1% der Erwachsenen (14-65 Jahre) der Gesamtbevölkerung in diesem Bereich suchtgefärdet, 0,7% sind pathologische Spieler, davon zu 90 Prozent Männer. Wenn jüngste Beobachtungen stimmen, steigt die Zahl der Spielsüchtigen in Österreich an, seit die Zahl der Internet-Anschlüsse, der Automatencafes und Wettbüros gestiegen ist. Immer mehr Menschen können ohne den besonderen Kick offenbar nicht mehr leben.

Spielsucht ist deswegen so fatal, weil sie nicht nur unweigerlich in die Schuldenfalle führt, sondern meist andere Süchte (Alkohol, Drogen, Medikamente, Internet) nach sich zieht und allzu oft auch in die Kriminalität führt.

Spielsucht

Spielsucht ist nicht auf der ganzen Welt gleich verteilt – in der Erwachsenenbevölkerung variiert der Anteil von Menschen mit pathologischem Spielverhalten je nach Land zwischen 0,2 und zwei Prozent. In Deutschland sind rund 0,6 Prozent der Erwachsenen davon betroffen. Für Österreich existieren zwar keine wissenschaftsbasierten Zahlen, doch dürfte ein ähnlich großer Bevölkerungsanteil wie in Deutschland unter Spielsucht leiden.

Ein Phänomen zeigt sich aber überall: Pathologische Glückspieler suchen nur selten nach professioneller Hilfe für ihr Problem. Warum das so ist, diskutierten Experten beim 6. Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee. „Mehr Wissen darum, was die einen in die Beratung führt und die anderen davon abhält, ist ein wesentlicher Schlüssel, um Hilfsangebote zu verbessern“, betont Tagungsorganisatorin Univ.-Prof. Dr. Gabriele Fischer (AKH/MedUni Wien). „Das ist schon deshalb besonders wichtig, weil internationalen Studien zufolge nur etwa zehn Prozent der Betroffenen Hilfe suchen.“ Auch die deutsche PAGE-Studie1 bestätigt: 80 Prozent der Spielsüchtigen ignorieren Hilfsangebote. Nur magere elf Prozent nutzen Hilfsangebote intensiv und treten mehr als dreimal in Kontakt mit Suchthilfe-Einrichtungen.

Typischer Klient in Therapie: Männlich, Mitte 30 und süchtig nach Geldspielautomaten

Prof. Dr. Ludwig Kraus, tätig am IFT Institut für Therapieforschung in München und Gastprofessor am Centre for Social Research on Alcohol and Drugs (SoRAD) an der Universität Stockholm, hat zahlreiche Studien ausgewertet, um die Charakteristik von pathologischen Glückspielern herauszuarbeiten. „Bei Problemspielern mit besonders stark ausgeprägter Störung ist die Wahrscheinlichkeit höher, sich in Behandlung zu begeben“, erklärt Prof. Kraus. Weitere zentrale Faktoren, die eine Inanspruchnahme von Hilfsangeboten begünstigen, sind die Intensität des Spielverhaltens und ein unterstützendes soziales Umfeld, also Partner, Freunde oder Familie, die den Betroffenen das Problem vor Augen führen und ihnen zu professionellen Unterstützung raten.

Eine Studie mit 446 Klientinnen und Klienten in 36 Beratungsstellen in Bayern2 förderte außerdem folgende Charakteristika zutage: Der typische Hilfesuchende ist mit großer Mehrheit (88,8 Prozent) männlich und rund 36 Jahre alt, hat also das typische Einstiegsalter schon ein paar Jahre hinter sich. „Interessanterweise lassen sich am häufigsten Spieler behandeln, die an Geldspielautomaten ihr vermeintliches Glück suchen“, so Prof. Kraus.

Die Studie zeigte auch, dass jeder zweite eine hohe psychische Belastung aufweist und mit depressiven Symptomen zu kämpfen hat. Bei mehr als der Hälfte kam es zu weniger als sechs Behandlungskontakte und sieben von zehn Klienten beenden die Therapie vorzeitig. „Diese dramatischen Abbruchszahlen verdeutlichen, dass sich unsere Hilfskonzepte noch weiterentwickeln und stärker an das Individuum angepasst müssen werden“, folgerte Prof. Kraus.

Wer Problem leugnet, verweigert auch Hilfe

„Eher nicht zur Beratung kommen jüngere Spieler und Personen, die ihre Probleme verleugnen oder mangelnde Einsicht zeigen. Vielen schämen sich auch, und empfinden sowohl ihre Abhängigkeit als auch das Eingeständnis, Hilfe zu brauchen, als Stigma“, sagt Prof. Kraus. Auch Spieler, die Glücksspielen im Internet nachgehen, sind kaum in den Beratungseinrichtungen zu finden. Einer australischen Studie3 zufolge nehmen 37,6 Prozent der herkömmlichen Spieler formale Hilfsangebote in Anspruch, aber nur 23,5 Prozent der Internet-Spieler. Interessanterweise zeigen Internet-Gambler laut dieser Studie auch keine gesteigerte Neigung, Online-Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Keine relevanten Faktoren für die Inanspruchnahme einer Behandlung scheinen Beziehungsstatus, Bildungsgrad oder Einkommenssituation zu sein. Auch dürfte es keine Rolle spielen, ob die Spielsüchtigen arbeitslos sind oder einer geregelten Beschäftigung nachgehen.

Prävention und Therapien, die wirken

Wissenschaftlich belegt ist, dass vor allem verhaltenstherapeutische Ansätze helfen, die Spielsucht zu überwinden. Wichtig sind nach der Einschätzung der Experten aber auch Maßnahmen, die, ähnlich wie bei Tabak oder Alkohol, das Entstehen der Sucht verhindern oder zumindest erschweren: Dazu zählen eine strikte Zugangsbeschränkung zu Glückspielen für Jugendliche, eine Reduktion des Angebotes, eingeschränkte Öffnungszeiten bei Spielhallen oder das Verbot von hochriskanten Spielen. „Maßnahmen zum Schutz der Spieler und zur Reduktion von problematischem und pathologischem Glückspielverhalten sind Aufgaben des Staates und seiner Gesetze. Sie müssen laufend auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls verstärkt werden“, betont Prof. Kraus.

Ein frühes Einschreiten und die Sperre von pathologischen Spielern wären hilfreich, um den Schaden zu begrenzen, wenn Menschen beginnen, in Spielsucht zu kippen. Wichtige Maßnahmen sind zudem Information und Aufklärung über die juristischen, finanziellen und gesundheitlichen Risiken des Glückspiels. „Es bedarf mehr Aufklärung, zum Thema Spielsucht einerseits und über die Behandlungsangebote andererseits. Wer sich aktiv einem Problem stellt und in Therapie begibt, sollte sich nicht dafür schämen müssen. Auch müsste mit vielen falsche, abschreckenden Vorstellungen von einer Spielsuchtbehandlung aufgeräumt werden“, so der Experte.

Service-Hotline

Unter der Hotline 0800 205242 können sich Betroffene unkompliziert melden und Beratungstermine vereinbaren.

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Quellen:

¹ Bischof A. et al: Inanspruchnahme von Hilfen bei Pathologischem Glücksspielen: Befunde der PAGE-Studie in Sucht (2012) 58, pp. 369-377
² Braun B. et al: Ambulante Suchthilfe für pathologische Glücksspieler in Bayern: Passung zwischen Behandlungsbedarf und -angebot. In: Suchttherapie 2013; 14: 37–45

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